Herbst-Winter 2012Die Inspiration
Für seine erste Kollektion als Chefdesigner bei Christian Dior analysiert Raf Simons die typischen Codes, die er in den vergangenen zehn Jahren an der Spitze seines eigenen Couture-Hauses einsetzte und die dessen Stil ausmachen. Mit ihnen geht diese neue Kollektion nun in die Geschichte des Hauses Dior ein.
„Monsieur Dior war der Architekt der Kleidung schlechthin, sagt Raf Simons. Er kreierte Modelle von absoluter Perfektion, fügte aber oft noch ein Detail hinzu, das diese Perfektion brach: So verlieh er seinen Kleidungsstücken zusätzlich ein Stück Charakter, mit dem sich diejenigen, die sie trugen, identifizieren konnten. Mit diesem unglaublichen Kniff, diesem Detail, begreift man die Liebe, die er Frauen entgegenbrachte. “
Raf Simons greift die Codes von Monsieur Dior auf und verleiht ihnen eine frische Note. Er nimmt die Architektur der „Bar“-Jacke - deren Rockschöße die Hüftlinie erweitern und allein dadurch ganz typisch den New Look präsentieren - und setzt das Volumen und den Aufbau in anderen Kleidungsstücken und sogar anderen Körperteilen um. Diese architektonischen Motive und ihre Wiederkehr in der Kollektion werden somit selbst zur Signatur des Stils des neuen Chefdesigners.
Und so werden die Femmes-Fleurs - wie sie Christian Dior nannte, um die Silhouette seines New Look zu beschreiben und seiner Leidenschaft für Gärten Ausdruck zu verleihen - wieder modern. Gemessen an der Welt von heute wird ihr Design auf ganz neue Weise interpretiert. So wie man es auch in der Dekoration der Modenschau sehen kann, die eine Metapher der Kollektion selbst sein soll, ist die Blume hier weit entfernt von ihrer traditionellen Bedeutung als Couture-Blume: Sie legt ihre dekorative Seite ab und wird zu einer Idee schlichter Architektur. Die architektonische Vision, die Christian Dior von Kleidung hatte, wird weitergegeben, sogar noch verstärkt, indem das Menschliche noch deutlicher in die Vision der Natur übergeht.
Zweifellos sind es die Silhouetten der Ballkleider, die man als zerstückelt bezeichnen könnte, in denen die moderne Femme-Fleur am besten aussieht. Inspiriert von älteren Modellen wurde die originale Silhouette beschnitten und gekürzt, um ein kurzes Kleid zu kreieren oder ein Oberteil, das ganz einfach zu einer schwarzen Zigarettenhose kombiniert wird. Der obere Teil der Silhouette bleibt unverändert gleich, der untere Teil ist das Abbild dessen, wie wir heute leben.
„In der Couture geht es nicht mehr nur um Neuartigkeit, indem man die Silhouette, das Aussehen oder die Farbe bearbeitet, erklärt Raf Simons. Es geht auch darum, neue Arbeitsformen mit dem gesamten Couture-Gewerbe zu finden, es als Ganzes zu betrachten und in neue Bahnen zu lenken. Dieses Gewerbe besteht schon lange und Savoir-faire ist hier ohne Frage das Höchste, doch es geht heute nicht mehr einzig und allein darum, Perfektion mit einem Duchesse-Satin, besonderer Seide oder außergewöhnlichem Tüll zu erreichen. Man muss weitergehen und mit diesen Stoffen neue Herstellungstechniken und eine dazu passende Couture kreieren.
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