DEKORATION

Im Herzen des Jardin des Tuileries1, einem wahren Freilichtmuseum, befand sich der mit passenden Kunstwerken dekorierte Veranstaltungsort von Maria Grazia Chiuris Herbst/Winter 2020/21 Prêt-à-porter Show.

  • Die Zusammenarbeit entstand durch die gemeinsame Begeisterung der Künstlerischen Leiterin und der 'kollektiven Künstlerin' Claire Fontaine (lesen Sie unser Porträt) für die Geschichte des Feminismus sowie aus der Notwendigkeit, die entscheidenden Momente der Emanzipation der Frau in den Vordergrund zu rücken, und ließ eine gewagte Installation Wirklichkeit werden.

    Schon am Eingang ziehen die Worte 'I Say I2' die Blicke auf sich, indem sie die Überschrift der Einleitung des Manifests 'La presenza dell'uomo nel femminismo' aufgreifen, das 1971 von der italienischen Kunstkritikerin und späteren Aktivistin Carla Lonzi mit ihrer Schwester Marta Lonzi und Anna Jaquinta verfasst wurde.

    Als Symbol ihres Aufbegehrens steht dieser kurze Satz für eine frohlockende Eigenheit. Gleichzeitig verkörpert er eine kreative und gemeinsame Art, die vielen Facetten der weiblichen Subjektivität zur Sprache zu bringen.

  • Wie eine Art Dialog mit den sich bewegenden Silhouetten deuten lakonische, leuchtende Botschaften über dem Laufsteg an, "wie die Realität wahrgenommen werden könnte oder sollte, wenn wir nicht durch eine männliche Sichtweise auf die Dinge beeinflusst wären", so Claire Fontaine. Das Wort 'Consent', das mehrmals in den Ampelfarben auftaucht, blinkt und wirkt zugleich wie eine Bestätigung und eine Frage. Es bildet den Kontrapunkt zu dem Wort 'Love' in flammendem Rot. Die Zustimmung kann also – wie dieses Blinklicht – in einem Moment da sein, rasch vergehen und anschließend wieder zurückkehren.

  • Auf diese Weise skandieren die von Claire Fontaine entworfenen LEDs kraftvolle Aussagen wie 'Patriarchy Kills Love', 'Women Raise the Upraising' oder 'Women are the Moon that Moves the Tides'. Sie fungieren "als Untertitel und stellen die Affekte und Themen gegenständlich dar, die von der Mode in Klammern belassen werden, damit die Menschen ungehindert träumen können", erklärt Fulvia Carnevale, die mit James Thornhill dieses engagierte Kollektiv bildet.

  • Die Models präsentieren sich auf der neuen Version ihres Werks 'Newsfloor', für welches der Boden mit Seiten der Zeitung 'Le Monde' beklebt wurde, und das den Namen 'Le Monde pixélisé' trägt. Zu diesem Raumkonzept hat sie ein Foto von Henri Matisse inspiriert, das 1949 von Robert Capa aufgenommen worden war. Darauf sieht man den Maler beim Zeichnen in einem bürgerlichen Wohnzimmer, das ihm als Atelier dient. Der Boden ist mit Zeitungen bedeckt, als ob die Seiten Bodenfliesen oder Parkettdielen wären. Es handelt sich laut Claire Fontaine um einen 'visuellen Lärm', der jenen aus der Außenwelt verkörpert, welcher die Zeit der Show durchdringt, am Kreuzungspunkt von Überzeugungen und Aufständen, von Ästhetik und Ethik.

Ein lebendiger Impuls und der Wille, einen Raum der Freiheit(en) nach dem Abbild von Maria Grazia Chiuris Kollektion zu schaffen, deren Savoir-faire die vielfältige Schönheit der Frauen feiert. Und die Möglichkeit, diese bis in die Unendlichkeit zu individualisieren.

1. Dior und das Louvre kündigen eine fünfjährige Partnerschaft zur Neubegrünung und Verschönerung des Jardin des Tuileries an. Das monumentale Veranstaltungsgebäude der Show wurde in der Mitte der außergewöhnlichen Parkanlage aufgebaut (unweit von der Skulptur 'Le Bel costumé' von de Jean Dubuffet). Mit der Förderung dieser Hochburg der Geschichte Frankreichs, in der vortreffliche Kulturgüter auf die Schönheit der Natur treffen, engagiert sich das Maison neuerlich für den Umweltschutz. 

2. 'Io dico io' (zu deutsch 'Ich sage ich') ist auch der Titel der Ausstellung, die vom 23. März bis 21. Juni 2020 in der Galleria Nazionale d'Arte Moderna in Rom zu sehen ist. Sie wurde mit Unterstützung des Maison Dior organisiert und wurde frei von Carla Lonzis feministischem Manifest inspiriert, dessen Esprit diese Kollektion und die Arbeiten für die Show prägt.

©Courtesy of Claire Fontaine, Air de Paris, Galerie Neu and T293

Bildnachweis – Adrien Dirand